Bewegungsarchitekten

„Mit Auge“ ist im Sport eine oft benutzte Metapher. Sie steht dafür, dass der Erfolg, neben Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit, auch von der allgemeinen Wahrnehmung, antizipatorischen Fähigkeiten und Erfahrungen abhängig ist.

In diesem Blog soll die Metapher „mit Auge“ hinsichtlich neuromuskulärer Fähigkeiten betrachtet werden. Bevor wir hier das Neuromuskuläre genauer erklären, schauen wir uns vorerst die allgemein bekannten Funktionen des Auges an.
Jedes funktionstüchtige Auge hat eine Hornhaut, welche das Innere des Auges schützt. Dahinter befindet sich die Linse, welche sich durch die Anspannung des Ziliarmuskel krümmt und somit Scharfsehen in der Nähe ermöglicht. Entspannt sich der Ziliarmuskel, können wir in der Ferne scharf sehen.
Das menschliche Auge sieht neben dem anvisierten und scharf gesehenen Objekt, den Großteil peripher und somit unscharf. Aus dem scharf gesehenen Objekt und der peripheren unschärfer gesehenen Umgebung ergibt sich das Gesamtbild des Raumes. Alles Gesehene gelangt über Strahlen von Außen in das Innere des Augapfels zur Netzhaut. Die Netzhaut, auch Retina genannt, befindet sich an der Innenwand des Augapfels und ist mit Zäpfchen sowie Stäbchen ausgestattet. Die Zäpfchen und Stäbchen sind für das Kontrast- und Farbsehen verantwortlich. Der Sehnerv, der rückseitig an die Retina anschließt, leitet diese Informationen gebündelt an den Okzipitallappen weiter, wo die ankommende Sehstrahlung zu Bildern verarbeitet wird. Soviel zu den allgemein bekannten Funktionen des Auges.

Kommen wir nun zu den neuromuskulären Fähigkeiten des Auges, welche immer wieder Inhalt unseres Bewegungskompetenztrainings sind. Damit wir unsere Augen präzise auf Objekte im Raum ausrichten können, gibt es 3 Hirnnerven und 6 Muskeln je Auge. Mit ihnen ist die Ansteuerung von Augenbewegungen möglich, so dass die Augen den Blicksprung hin zum Objekt, Blickverfolgung oder Blickstabilisierung von Objekten leisten können. Als Bewegungskompetenztrainer setzen wir genau hier an, um die visuelle Verarbeitungsqualität zu testen und zu trainieren. Wir können zwar keinen direkten Einfluss auf die biochemischen Vorgänge der Retina nehmen oder auf die im Alter nachlassende Viskosität der Linse, wodurch das Scharfsehen mit zunehmendem Alter abnimmt, aber wir können die okulomotorischen Funktionen der Augen für unser Training nutzen.
Wir können jede Sportart und jede alltägliche Bewegung betrachten und werden feststellen, dass sehr gute Augenbewegungen, auch Okulomotorik genannt, mit sehr guten Bewegungsmustern korrelieren. Um die Funktionsweise und Bedeutung von Augensteuerung exemplarisch zu erklären, betrachten wir die Okulomotorik aus der Sicht eines Tennisspielers.

Ein erfolgreicher Tennisspieler sollte okulomotorisch Folgendes leisten können:

 

  • Blicksprung (Wechsel zwischen 2 Punkten)
  • Binokulares Sehen (Konvergenzsehen)
  • Blickverfolgung

 

Um den Raum, die Geschwindigkeit sowie Richtungsänderungen von bewegten Objekten wie z.B. den Tennisball zu berechnen, müssen unsere Augen den Blick zwischen nah und fern, zwischen 2 Punkten in der horizontalen, wie auch vertikalen Ebene wechseln können. Die Fähigkeit schnell zwischen 2 Punkten mit den Augen zu springen, nennt man Blicksprung. Umso stärker diese Kompetenz ausgeprägt ist, umso mehr Blicksprünge sind in einer Sekunde möglich und umso mehr Zeit hat der Tennisspieler auf spontane, unvorhergesehene Richtungswechsel und Netzroller o.ä. zu reagieren. Springt der Blick in die Ferne, ins gegnerische Feld, wird der 6. Hirnnerv dominant. Dieser aktiviert den Muskel rectus lateralis, der das Auge weit stellt. Weitet sich das Blickfeld bzw. vergrößert sich der Blickwinkel, ist das Sehen in die Ferne möglich.
Bei einem Blicksprung in die Nähe wird der 3. Hirnnerv und die dazugehörige Augenmuskulatur zunehmend aktiv. Das perfekte Zusammenspiel zwischen Hirnnerv 6 und Hirnnerv 3 wird auch Sakkaden genannt. Während der Sakkaden bzw. Blicksprünge ist das Scharfsehen unterdrückt und muss wieder hergestellt werden. Desto präziser die neuromuskuläre Ansteuerung erfolgt, umso genauer kann das Gehirn des Tennisspielers die Entfernungen zum Ball, zum Gegner und zu den Begrenzungslinien einschätzen. Es sind permanente Blicksprünge notwendig, da sich Ball, Spieler und Gegenspieler ständig zwischen den Linien verschieben und so eine andauernde Neuberechnung der Distanzen notwendig ist. Wird beim Aufschlag die hintere Linie des Öfteren überspielt, sodass der Aufschlag zum Fehler wird bzw. spielt man den Ball aus “Sicherheitsgründen“ kürzer und langsamer, ist möglicherweise die Fähigkeit des Distanzsehens eingeschränkt.  Kommt der Ball nach erfolgreichem Aufschlag zurück in die eigene Hälfte, wird der 3. Hirnnerv dominant. Dieser ist u.a für die Ansteuerung des M. rectus medialis und für die Engstellung der Augen zuständig, um in der Nähe ein Objekt fixieren zu können.

Um den herannahenden Tennisball scharf und dreidimensional d.h. binokular sehen zu können, muss der M. rectus medialis (wie auch andere vom Hirnnerv III innervierten Augenmuskeln) beider Augen gleich gut arbeiten. Ist das nicht der Fall, ist kein präzises dreidimensionales Sehen möglich. Wir testen diese Fähigkeit, indem wir bei gerader aufrechter Körperhaltung, mit nach vorn gerichtetem Kopf und Blick beobachten wie beide Augen reagieren, wenn sich ein Objekt in Richtung Nasenwurzel bewegt. Dreht dabei ein Auge mehr oder weniger Richtung Nasenwurzel als das gegenüberliegende Auge, ist kein präzises dreidimensionales Sehen möglich. Die Folge in einem schnellen Spiel sind Fehler in der Antizipation und dem berechneten Eintreffzeitpunkt des Balles auf dem Schläger. 

Neben dem binokularen Sehen benötigt der Tennisspieler auch die Fähigkeit, den Tennisball mit den Augen ohne Blicksprünge zu verfolgen. Diese Kompetenz heißt Blickverfolgung. Sie ist notwendig, wenn der Ball in Richtung eigenem Schläger unterwegs ist. Für eine hohe Spielqualität ist es wichtig, dass der Ball auch wirklich bis zum “Schluss“, d.h. bis der Ball auf den Tennisschläger trifft, mit den Augen verfolgt wird. In diesem Moment geschehen oft unwillkürliche Fehler, weil der Blick zu früh vom Tennisball weg gewendet wird. Die Folge ist, der Ball wird weniger präzise als möglich zurückgespielt. Es reicht unter Umständen aus, um weiter im Spiel zu bleiben. Doch den Ball mit adäquatem Tempo und mit hoher Präzision in die gegnerische Hälfte zu spielen, ist ein Mittel, um den Gegner unter Druck zu setzen und zu siegen.

Das periphere Sehen ist, neben Scharfsehen und Okulomotorik, eine ebenso wichtige Kompetenz. Den Großteil dessen, was der Mensch sieht, nimmt er peripher wahr. D.h. wenn der Tennisspieler den Ball fokussiert, ist die Umgebung des Tennisballs unscharf. Je näher der anvisierte Tennisball kommt, desto unschärfer wird die Umgebung. Das Verhältnis von Scharfsehen zu Periphersehen liegt bei ca. 2% zu 98% und ist demnach eine unabdingbare Kompetenz für hohe Bewegungsqualität. Wenn der Spieler den Raum um sich herum, also die Begrenzungslinien, die Außenkanten des Netzes, die Bande und andere Bereiche wahrnehmen kann, auch wenn sie nicht im Fokus liegen, fühlt sich der Tennisspieler sicher im Raum. Schnelle und spontane Bewegungen im Raum sind möglich, da die Grenzen in alle Richtungen klar sind. Die eben beschriebene Okulomotorik stellt nur einen Teil dessen dar, was das neuromuskuläre System Auge leistet.

Wie auf der Abbildung oben zu sehen ist, gibt es noch andere Augenmuskeln die weitere Zug- und Rotationsbewegungen leisten und somit Einfluss auf unsere Wahrnehmung sowie Bewegungsqualität haben.