Im Gleichgewicht sein, ist ein Ziel vieler Menschen. Doch wie komme ich dorthin und was ist eigentlich „Gleichgewicht“?
Wenn wir über das Gleichgewicht reden, dann können wir es in 2 verschiedene Arten unterteilen. Zum einen gibt es das mentale Gleichgewicht, welches für Zufriedenheit, Harmonie und ein positives Mindset steht. Zum anderen gibt es das körperliche Gleichgewicht, welches Einfluss auf die motorische Leistungsfähigkeit hat. In unserer Arbeit führen wir die beiden Arten von Gleichgewicht zusammen, weil sie sich gegenseitig bedingen und uns stärker machen, wenn beide in Einklang sind.
Im Folgenden wird das körperliche Gleichgewicht genauer erläutert. Das mentale Gleichgewicht erklären wir in einem anderen Blog.
Unser Gehirn plant Bewegungen, kann willkürlich und unwillkürlich Muskeln ansteuern und nutzt dafür auch Informationen des Gleichgewichtssystems. Es sitzt beidseitig im knöchernen Teil des Innenohres und ist ein wichtiger Faktor für die motorische Leistungsfähigkeit.
Die wesentlichen Bestandteile des Gleichgewichtssystems sind die Makulaorgane, die Bogengängen, die Cochlea und der Hirnnerv VIII. Die Makulaorgane, die Bogengänge und die Cochlea sind “Sender“ und “Empfänger“ von Informationen über Lageveränderung und Raumwahrnehmung. Der Hirnnerv VIII leitet die Informationen der Lageveränderung des Körpers und der akustischen Wahrnehmung an das Gehirn, wo diese für Bewegungsplanung genutzt werden. Insbesondere die Makulaorgane und die Bogengänge sind verantwortlich für eine gut koordinierte Kopfbewegung, einen Einbeinstand ohne Wackler, oder einen explosiven Absprung mit sicherer Landung. Dabei ist es wichtig, dass das linke und das rechte Gleichgewichtssystem zu möglichst gleichen Anteilen Informationen aufnehmen und an das Gehirn senden können. Funktionieren Teile des linken oder rechten Sender- und Empfängersystems nicht besonders gut, ist die ausgeführte Bewegung langsamer, unkoordinierter und wird als nicht sicher von unserem Gehirn interpretiert. Wie soll sich Bewegung auch sicher anfühlen, wenn die “innere Wasserwaage“ nicht weiß, wie meine Körperhaltung im Raum ist? Deshalb ist das Ziel unseres Trainings das Gleichgewicht in Waage zu bringen. Mit der Ganganalyse u.a. Tests, können wir feststellen, welche Seite des Gleichgewichts stabilisiert und zusätzlich trainiert werden sollte.
Die Funktionsweise der einzelnen Bestandteile des Gleichgewichtssystems werden im Folgenden erläutert: Der Utriculus ist ein Makulaorgan, welches für das horizontale Gleichgewicht und die Beschleunigung in der Horizontalen entscheidend ist. Bei Bewegungen in der horizontalen Ebene sendet er Informationen zur Lageänderung über den Hirnnerv VIII an das Gehirn.
Schauen wir in die Praxis:
Damit der Leichtathlet aus dem Startblock heraus beschleunigen kann, muss der Utriculus so schnell wie möglich Informationen über die vorwärtsgerichtete Lageänderung senden. Ist der Informationsfluss eingeschränkt, wird das Bewegungstempo soweit reduziert, bis eine Berechnungsgrundlage für eine sichere Vorwärtsbewegung gewährleistet ist. Grundsätzlich gilt, dass wir für langsamere Bewegung nicht so viele Informationen aus unserem Körper benötigen, wie für schnelle Bewegungsabläufe. Bei einem Volleyballer sind es mindestens 4 Hauptbewegungsrichtungen (nach vorn, hinten, links und rechts) die wir uns anschauen, da je nach Bewegungsrichtung immer der Utriculus beteiligt ist. Wenn wir es auf die Spitze treiben, könnten wir neben den Hauptrichtungen bis zu 360 Richtungsvektoren einzeln testen. Doch das ist an dieser Stelle nur Theorie und beschreibt nicht unsere Praxis.
Kommt es zum Absprung nach oben oder zum Sprung in die Tiefe wird ein weiteres Makulaorgan, der Sacculus, dazugeschalten.Neben Ausgleichsbewegungen in der horizontalen Ebene, muss nun hauptsächlich vertikal beschleunigt und Höhe abgeschätzt werden. Dafür ist der Sacculus verantwortlich. D.h. ohne Sacculus könntest du nicht springen, da Informationen über die Lage in der vertikalen Ebene fehlen. Auch vor dem Sacculustraining testen wir die Seitigkeiten, da häufig eine Seite weniger Informationen liefert als die andere. Ist das der Fall, kommt es zu Kompensationsbewegungen beim Absprung, in der Luft bis hin zur Landung, da die Beschleunigung in der Vertikalen nicht für beide Körperhälften ausreichend berechnet werden kann. Auch hier gilt, dass wir nur so hoch und tief springen, wie es unser Gehirn berechnen und antizipieren kann. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Menschen mit Höhenangst häufig reduzierte Informationen aus ihrem Sacculus erhalten. Schon der Blick in die Tiefe und eine leichte Kopfneigung nach vorn kann für Unwohlsein sorgen.
Neben dem Utriculus und dem Sacculus, testen wir zudem auch die Bogengänge des Innenohres. Diese sind neben den Makulaorganen für eine gute Koordination des Kopfes zuständig. Im knöchernen Teil des Innenohres befinden sich beidseitig je 3 Bogengänge, welche für die unterschiedlichen Bewegungsrichtungen des Kopfes und somit auch für das Gleichgewicht verantwortlich sind. Drehen wir den Kopf nach links, so ist es der linke horizontale Bogengang, welcher Informationen an das Gehirn sendet. Drehen wird den Kopf nach rechts, liefert der rechte horizontale Bogengang Informationen. Für Kippbewegungen des Kopfes nach vorn und hinten, sind die vorderen und die hinteren Bogengänge Informationsgeber. Umso genauer die Informationen über die Lage des Kopfes in der jeweiligen Bewegungsrichtung ist, desto “flüssiger“ und schneller ist die Bewegung. Bei einer Drehbewegung des Körpers, welche über den Kopf eingeleitet wird, müssen die Bogengänge präzise Informationen senden.
Bei allen Bewegungen des Kopfes und des Körpers fließt Endolymphe durch das Labyrinth des Gleichgewichtssystems, welches mit kleinen Härchen ausgekleidet ist. Über diese Härchen in den Maculaorgangen und den Bogengängen werden Veränderungen wahrgenommen, an das Gehirn geleitet und so die Lage im Raum interpretiert.
Die Cochlea, auch Hörschnecke genannt, ist verantwortlich für das akustische Gleichgewicht bzw. das räumliche Hören. Die Hörschnecke leitet zwar keine Informationen über die Lageänderung des Körpers an das Gehirn, aber sie beeinflusst durch Richtungshören unsere Raumwahrnehmung und so letztendlich unsere Bewegungsmuster. Über den Akustikkompass testen wir Richtungshören. Gibt es eine Differenz im Richtungshören, aktiveren wir die Richtungsvektoren mit schlechterer Hörwahrnehmung vor dem Training, um das akustische Gleichgewicht zu kalibrieren.
Es gibt wohl kaum eine Bewegung, die der Mensch ausführt, welche ohne Informationen aus dem Gleichgewichtssystem abläuft. Menschen die z.B. Probleme in der Rückwärtsbewegung haben, haben begründete Angst vor dieser Bewegung, da ihr Gleichgewichtssystem sehr wahrscheinlich nur unzureichende Informationen sendet. Steigen wir Treppen hoch oder runter und fühlen uns dabei unsicher, sind ggf. die Informationen des Sacculus und des Utriculus unzureichend. Ist eine Körperhälfte motorisch schwächer, sendet das Gleichgewichtssystem dieser Seite wahrscheinlich weniger Informationen an das Gehirn.
Für das Training ist deshalb entscheidend, dass die Seite trainiert bzw. vor dem Training aktiviert wird, welche schlechter funktioniert. Es macht aus unserer Erfahrung keinen Sinn beidseitig zu aktivieren, wenn die Wasserwaage in beiden Innenohren auf verschiedenen Niveaustufen ist. Das System würde zwar hochgefahren werden, doch die unterschiedlichen Level beider Seiten würden bestehen bleiben. Um das Gleichgewicht zu stabilisieren, muss die Körperhälfte aktiviert werden, welche ein Funktionsdefizit gegenüber der besseren Körperseite hat. Nur so erlangen wir ein ausbalanciertes Gleichgewicht, um beidseitig mit hoher Qualität trainieren zu können. Senden die Maculaorgane auf beiden Seiten unzureichend Informationen, so macht es natürlich Sinn beide Seiten zu aktivieren, bevor es ins Training geht.
In unserem Training gelten grundsätzlich folgende Prinzipen:
- Aktivere die richtige Seite.
- Aktiviere wenn es notwendig ist.
- Viel hilft nicht viel!